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Verein für Waldorf- Am Bahnhof 2 |
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Freie Waldorfschule
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Oberstufenkonzept der
Freien Waldorfschule Werra-Meißner
Herbst 2004
Im September 2004 wurde im Rahmen eines Informationswochenendes Eltern und anderen Interessierten das Konzept für die Oberstufe der Waldorfschule Werra-Meißner vorgestellt. Zum Teil ist es in dieser Form schon in die Praxis umgesetzt oder umgekehrt aus dieser erwachsen, denn mittlerweile ist unsere Schule im Aufbau bis zur Klasse 10 gewachsen, und im weitesten Sinne werden schon die Klassen 9 und 10 der Oberstufe zugerechnet. Mit der 10. Klasse des letzten Schuljahrs sind überdies erstmals direkt an unserer Schule Abschlüsse erworben worden. Weil die Klassenstärke dieser Gruppe noch nicht stark genug war, um bis zur Waldorfabschlussklasse 12 oder gar bis zur Abiturklasse 13 zu tragen, bekamen die betroffenen Schülerinnen und Schüler alle notwendige Unterstützung, um ihre Ausbildung an anderen Schulen fortzusetzen und/oder unsere Schule mit dem Realschulabschluss zu verlassen.
Die Ergebnisse der Realschulprüfungen, die aufgrund der besonderen Situation in der letztjährigen 10. Klasse nur ausnahmsweise in dieser Jahrgangsstufe der Waldorfschule Werra-Meißner angeboten wurden, lagen weit über dem Durchschnitt – dazu an anderer Stelle mehr. In Zukunft aber soll jede der kommenden Klassen die Waldorfschule Werra-Meißner bis zum Waldorfabschluss nach der 12. Klasse und gegebenenfalls bis zum Abitur nach einer 13. Klasse besuchen können. Einen Überblick über die entsprechenden Planungen, wie sie im Lauf des erwähnten Info-Wochenendes vorgestellt und erläutert wurden, finden Sie in den folgenden Ausführungen:
Die Oberstufe der Eschweger Waldorfschule
I. Unterrichtlicher Überblick
Der Aufbau der Oberstufe einer Waldorfschule kommt in vielerlei Hinsicht einer zweiten Gründungsphase gleich. Zwar bleiben die Fundamente des Unterrichts der Unter- und Mittelstufe weiterhin bestehen – Epochenunterricht, handwerklich-künstlerische Betätigung und Kontinuität des Klassenverbandes – doch die auf ihnen erbauten "Räume" verändern sich: neue Fächer und Inhalte, Veränderungen in der Unterrichtsmethodik entsprechend der Entwicklung der Jugendlichen, zahlreiche Fachlehrer.
In einer intensiven Arbeitstagung der Oberstufenkollegen am Ende der Sommerferien wurden die seit langem diskutierten Ideen zur Gestaltung der Eschweger Oberstufe zu einem Konzept verdichtet, das in den kommenden Jahren schrittweise umgesetzt werden soll. Dieses Konzept umfasst fünf Unterrichtsbereiche, die im Folgenden kurz erläutert werden:
1. Der Haupt- bzw. Epochenunterricht
Der morgendliche Hauptunterricht (7:45 bis 9:30 Uhr) gliedert sich im Laufe eines Schuljahres in zehn oder elf drei- bis vierwöchige Epochen. Die Inhalte dieser Epochen umfassen in allen vier Oberstufenklassen jeweils folgende Fächer:
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Deutsch |
pro Schuljahr jeweils zwei Epochen |
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Physik |
pro Schuljahr jeweils eine Epoche |
In methodischer Hinsicht zeigt sich eine bedeutsame Veränderung im Vergleich zur Mittelstufe: Die Oberstufe zielt nicht nur auf Vermittlung von Inhalten, sondern vor allem auch auf die Ausbildung der Urteilsfähigkeit. Die Jugendlichen sollen in die Lage versetzt werden, sich selbst in ein Verhältnis zur Welt zu bringen, d.h., Erscheinungen und Geschehnisse zu beurteilen. Das aber kommt nicht von allein, sondern muss immer wieder erübt werden. Von einem "aus dem Bauch heraus" gesprochenen "Find ich geil!" (oder "doof") bis hin zu einem differenzierten, sachlich begründeten Urteil ist es ein weiter Weg! Diesen Weg legen die Schüler unter Anleitung des Lehrers von der 9. bis zur 12. Klasse zurück. Erst im 12. Schuljahr kann sich die individualisierte Urteilskraft voll entwickeln, die nicht Sympathie oder Antipathie zum Ausdruck bringt, sondern die Tatsachen in mannigfaltige, sachliche Beziehungen zu bringen vermag und darauf aufbauend zu einer objektiven Stellungnahme gelangt.
2. Der Fachunterricht
Der Fachunterricht (ab 9:45 Uhr) trägt vorwiegend übenden Charakter. Zu den Fächern, deren Inhalte immer wieder geübt werden müssen, gehören:
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Englisch |
je drei Unterrichtsstunden pro Woche |
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Mathematik |
je zwei Unterrichtsstunden pro Woche |
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Sport |
eine Unterrichtsstunde pro Woche |
Am Beispiel des Faches Deutsch ist der Unterschied von Epochen- und Fachunterricht besonders gut zu verdeutlichen: Während in den Epochen vorwiegend Werke der Literatur gelesen und besprochen werden, dient der Fachunterricht dem Erüben von Aufsatztechniken, Grammatik und Rechtschreibung.
3. Der handwerklich-künstlerische Unterricht (HKU)
Eines der Grundanliegen der Waldorfpädagogik ist es, nicht nur Kenntnisse und gedankliche Fähigkeiten zu entwickeln, sondern in gleicher Weise auch körperliche Geschicklichkeit und künstlerisches Tun zu fördern. Das gilt für die Oberstufe wie für die Klassenlehrerzeit, und der Lehrplan ist dementsprechend ausgerichtet. Jede Jahrgangsstufe wird an zwei Nachmittagen jeweils eine Doppelstunde lang in folgenden Fächern unterrichtet, die sich in mehrwöchigen Blöcken über das Jahr verteilen:
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handwerklicher / |
künstlerischer Unterricht |
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9. Klasse |
Kupfertreiben |
Aufbaukeramik |
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10. Klasse |
Schreinern |
Plastizieren |
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Darstellende Geometrie |
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11. Klasse |
Schreinern |
Experimentelles Malen |
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12. Klasse |
Schreinern |
Plastizieren |
(Die Inhalte können sich im Laufe der nächsten Jahre aufgrund personeller und räumlicher Möglichkeiten leicht verändern).
Diese Kurse dienen nicht in erster Linie dazu, handwerkliche Kenntnisse zu vermitteln. Dass die Schüler am Ende des Korbflecht- bzw. Schneiderkurses selbständig einen Korb bzw. ein Kleidungsstück fertigen können, ist eher ein willkommener Nebeneffekt. Vielmehr werden durch die handwerkliche Betätigung Geschicklichkeiten der Hände, Ausdauer und Geduld sowie eine disziplinierte Arbeitsweise gefördert, was auf die Denk- und Urteilfsfähigkeit spürbar positiven Einfluss ausübt. Folgerichtiges Denken muss im Laufe der Oberstufe erst gelernt werden, und die Fähigkeit, einen handwerklichen Arbeitsprozess in klaren Schritten aufzubauen, ist in diser Hinsicht eine hervorragende Schulung.
Die künstlerischen Fächer, zu denen ja auch Eurythmie und Musik zu zählen sind, sensibilisieren das Wahrnehmungsvermögen und schulen den künstlerischen Ausdruck. Auch das wirkt anregend und verlebendigend auf das Gedankenleben zurück. Der Gefahr eines schematischen, wirklichkeitsfremden Denkens kann so entgegengewirkt werden.
4. Der lebenspraktische Unterricht (LPU)
"Was man in der Schule gelernt hat, kann man im Leben nicht brauchen – und was man im Leben braucht, hat man in der Schule nicht gelernt!" Wie oft mögen Schulabgänger dies wohl schon gedacht haben? Gewiss: Was man im Leben braucht, lehrt das Leben selbst; doch gerade weil wir Schule als einen unverzichtbaren Teil des Lebens betrachten, soll sie dessen Erfordernissen in möglichst vielfältiger Weise entsprechen. Wir meinen, dass dazu auch ganz praktische Kenntnisse gehören: Verständnis für die Funktionsweise eines Motors oder einer elektrischen Schaltung, Grundkenntnisse in Geldangelegenheiten, Rechtsfragen und politischen Grundstrukturen, um nur einige Beispiele zu nennen. All dies wird in jeweils mehrwöchigen Blöcken eine Doppelstunde pro Woche unterrichtet:
9. Klasse: Informatik, Streitkultur/Buchführung, Jugendrecht
10. Klasse: Informatik, Geldwesen, Vertragsrecht
11. Klasse: Informatik, Staatsrecht/politische Bildung, Steuerrecht/Versicherungen
12. Klasse: Erziehungslehre
5. Die Praktika
Die Praktika bilden an allen Waldorfschulen einen unverzichtbaren Teil der Oberstufenjahre. Sie vermitteln grundlegende Einblicke in verschiedene Bereiche des Wirtschaftslebens und dienen der Berufsorientierung.
9. Klasse: Landbaupraktikum
10. Klasse: Feldmesspraktikum und 1. Berufsorientierungspraktikum
11. Klasse: Sozialpraktikum und 2. Berufsorientierungspraktikum
12. Klasse: Kunst- (Architektur-)fahrt
II. Das 12. Schuljahr, der Waldorfabschluss und die staatlichen Prüfungen
Im 12. Schuljahr kommt die Waldorfschulzeit zu ihrem Abschluss. Es ist ein arbeitsintensives, zugleich aber auch erlebnisreiches und schönes Schuljahr, das der Öffentlichkeit die Früchte der vergangenen Jahre präsentiert. Daher finden zusätzlich zum normalen Unterricht besondere Aktivitäten und Veranstaltungen statt.
Bereits im 11. Schuljahr beginnen die Schülerinnen und Schüler nach den Osterferien mit einer so genannten Jahresarbeit. Sie wählen einen Betreuer und suchen ein Thema, das sie bis zum Beginn des 12. Schuljahres weitgehend selbstständig erarbeiten. Etwa sechs Wochen nach Schuljahresbeginn werden die Ergebnisse der Schulöffentlichkeit vorgestellt.
Vor den Herbstferien findet im Rahmen der Kunst-
betrachtungsepoche die einwöchige Kunstfahrt statt. An einem geeigneten Ort (idealerweise Florenz und Umgebung) wird unmittelbar vor bedeutenden Werken der abendländischen Kunst- und Architekturgeschichte künstlerisches Betrachten und Zeichnen geübt.
Nach den Herbstferien beginnt die Vorbereitung auf die staatlichen Prüfungen, wofür in einigen Fächern zusätzliche Unterrichtsstunden zur Verfügung stehen. Die Schülerinnen und Schüler werden in den Fachstunden in zwei leistungsdifferenzierte Gruppen geteilt: Eine Gruppe bereitet sich auf den Haupt- bzw. Realschulabschluss vor, die andere auf die Abiturprüfung (die in der 13. Klasse stattfindet). Nach den Osterferien werden die Haupt- und Realschulprüfungen in Zusammenarbeit mit dem Schulamt durchgeführt. Derzeit wird geprüft, ob auch der schulische Teil der Fachhochschulreife als Abschluss angeboten werden kann.
In den letzten Schulwochen gestalten die 12-Klässler neben dem Unterricht den künstlerischen Abschluss ihrer Schulzeit mit dem Klassenspiel, einer Eurythmieaufführung und der Ausstellung ihrer über die Oberstufenjahre hinweg entstandenen Arbeiten aus dem handwerklich-künstlerischen Unterricht. Sie können dann auf eine erfüllte und ereignisreiche Schulzeit zurückblicken und weitere Lebensschritte beginnen.
III. Die 13. Klasse
Unabhängig von den gegenwärtigen Bestrebungen, an staatlichen Schulen die Schulzeit auf zwölf Jahre zu verkürzen, dient an allen Waldorfschulen das 13. Schuljahr der Vorbereitung auf das Abitur. In Hessen gilt, dass Privatschulen erst nach dreimaliger, erfolgreicher Durchführung der Abiturprüfungen als "staatlich anerkannte gymnasiale Oberstufe" gelten. Bis zur Anerkennung sind wir eine "staatlich genehmigte Ersatzschule". Konkret bedeutet dies, dass unsere ersten drei Abiturklassen nicht unter den Bedingungen eines staatlichen Gymnasiums geprüft werden, wo alle Leistungen der 12. und 13. Jahrgangsstufe in die Abiturnote mit einfließen. Für unsere Schülerinnen und Schüler hingegen gelten die Regeln einer so genannten externen Abiturprüfung, das heißt, die Abiturnote setzt sich ausschließlich aus den Ergebnissen der Abiturprüfung am Ende der 13. Klasse zusammen. In einem gewissen, eng begrenzten Rahmen können die Schüler ihre Leistungs- und Grundkurse selbst wählen. Da die Lerngruppe jedoch im Vergleich zu den staatlichen Schulen sehr klein sein wird, sind die Wahlmöglichkeiten stark eingeschränkt. Dafür können wir jedoch individuelle Betreuung und Hilfen anbieten, wie sie an keiner staatlichen Schule möglich sind.
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