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Feldmesspraktikum im Schuljahr 2010/2011

Wäre es nicht schon so ein Brüller, die Waldorfschule mit der Geschichte vom 'getanzten Namen' in der Eurythmie durch den Kakao zu ziehen, böte sicherlich auch das Feldmesspraktikum genug Stoff, um sich über 'Urgroßvaters Unterricht' lustig zu machen. Wer sonst außer verschrobenen Hinterwäldlern käme denn auf die Idee, sich in Zeiten von GPS-fähigen und mit stets topaktuellen Navigationsprogrammen für ganz Europa ausgestatteten Handys mit Markierungsstangen und überall sonst ausgemusterten Messinstrumenten auf freies Feld zu begeben, um ein winziges Stück Deutschland in einer handgefertigten Landkarte zu erfassen?

Nun könnte man seitenweie Gründe aufführen, warum das Feldmessen, das ein fester Bestandteil der Waldorfausbildung ist und bleibt, eigentlich genau das Gegenteil von 'hinterwäldlerisch' ist. An dieser Stelle sollen uns aber zwei Argumente genügen. Erstens ist das Feldmessen praktisch angewandte Mathematik in Reinkultur, und ganz unmittelbar erschließt sich in knapp zwei Wochen, warum insbesondere die Geometrie halt doch zu mehr gut ist, als nur Schülerinnen und Schüler möglichst wirksam mit hirnverzwirnenden Rätseln zu quälen. Wer vielleicht vorher noch auf Kriegsfuß mit Dreiecken und Winkelberechnungen gestanden hat, ist nach dem Feldmessen in aller Regel stolz, genau zu wissen, wie Kathete und Hypotenuse helfen, die Welt besser zu verstehen. Zweitens wird beim Feldmessen erprobt und erfahren, wie in der 'Arbeitswelt' gegebenenfalls nur mit präziser Organisation, Teamarbeit, sorgfältiger Verrichtung der einzelnen Aufgaben und disziplinierter Einhaltung von Vereinbarungen wirklich etwas zu erreichen ist.

Doch genug der Vorrede, im Folgenden berichtet die 10. Klasse selbst von ihrer Exkursion:

Erster Tag: Anreise

Schloss Martinfeld in Thüringen ist das Heim der Schülerinnen und Schülern der 10. Klasse während des Feldmesspraktikums im Mai 2011. Foto: E. Schubert

Heute ging unser Weg nicht zur Schule nach Eschwege, sondern nach Martinfeld in Thüringen, wo unser Feldmesspraktikum stattfindet. Die nächsten neun Tage werden wir im ca. zehn Kilometer weit entfernten Fürstenhagen die Verwaltung des Naturparkzentrums Eichsfeld-Hainich-Werratal (www.naturpark-ehw.de) mit Theodoliten, Nivellierinstrumenten, Fluchtstangen usw. vermessen.

Wir, die Schülerinnen und Schüler der zehnten Klasse, trafen uns um 13:00 Uhr am Schloss Martinfeld. Nach einer kurzen Führung durch das Gemäuer bezogen wir unsere Zimmer im zweiten Obergeschoss. Nachdem die Betten bezogen waren, machten sich zwei Schüler zusammen mit Herrn Zabel auf den Weg nach Fürstenhagen, um die für das Messen benötigten Materialien in die Verwaltung zu bringen. Diese Tour, die als kurze Fahrt gedacht war, wurde aber länger als gedacht: Zwar kamen die Drei relativ schnell dort an und luden die Geräte aus, aber der Rückweg gestaltete sich schwierig. Erst nachdem unzählige Dörfer, Umleitungen und viele Eichsfelder befragt worden waren, wurde endlich doch noch der Weg nach Martinfeld gefunden.

Auf dem Waldlehrpfad des Naturparkzentrums Eichsfeld-Hainich-Werratal darf probiert werden, ob man weiter als verschiedene Tiere springen kann. Foto: E. Schubert

Nachdem die drei Irrenden sicher am Schloss angekommen waren, ging es gleich wieder zurück zur Verwaltung, nun aber mit allen Schülerinnen und Schülern. Ziel dieser zweiten Fahrt war, dass sich alle einen ersten Eindruck von dem Gelände machen konnten. Natürlich durfte hierbei auch der Spaß nicht fehlen: Der Waldlehrpfad mit seinen verschiedenen Stationen (unter anderem eine Hängematte mitten im Wald, ein Märchenhaus, ein Barfußpfad, usw.), ein Parcours und eine Weitsprunganlage wurden ausprobiert. Auf Letzterer konnten wir unsere Sprungweite mit der verschiedener Tiere vergleichen. Während die Schüler sich so vergnügten, bereitete Frau Schubert Kuchen und Tee vor. Nach dieser Stärkung ging es wieder zurück zur Herberge. Nach dem Abendbrot wurde gezeichnet. Alle Schülerinnen und Schüler versuchten, aus ihrem Gedächtnis das Gebiet zu zeichnen, welches in den nächsten Tagen vermessen wird. Auch dieser Tagesbericht musste verfasst werden!

Tobias Claus


Zweiter Tag: Weitere Vorbereitungen, erste Messungen

Schrittmaßberechnung: Ein wichtiger Schritt für die Kompassaufnahme zur Grobskizzierung des zu vermessenden Areals. Foto: E. Schubert

Heute Morgen sind wir direkt nach dem Frühstück zum Messort in Fürstenhagen gefahren. Wir sind das Messgelände abgelaufen und haben 31 Fluchtstangen gesteckt. Während einer kleinen Pause haben wir den Tagesablauf festgelegt. Als Erstes sollten wir alle unser eigenes Schrittmaß feststellen. Dazu musste fünf mal eine 100 Meter Strecke abgeschritten werden. Daraus wurde ein Faktor ermittelt, der in der Kompassaufnahme angewandt wurde.

Nach dem leckeren Mittagessen arbeiteten wir weiter intensiv mit dem Kompass, bis wir um fünf Uhr abbauten. Anschließend folgte eine Freizeit im Schloss, und dann zeichneten wir drei Stunden lang, was wir am Tag in Fürstenhagen gemessen hatten.

Daniel Becker und Tobias Claus

Feldmessen 2011: Die erste Fluchtstange teilt den Thüringer Fluchtraum. Foto: E. Schubert
Feldmessen 2011: Die erste Fluchtstange teilt den Thüringer Fluchtraum.


Zwischenspiel: Feldmessen und 'moderne' Kunst

Haben Sie den Begriff 'Steampunk' schon mal gehört? Eigentlich stammt er aus der Literatur und bezieht sich auf eine Art von Geschichten, die in Parallelwelten spielen, in denen die technische Entwicklung ganz anders verlaufen ist als in der uns vertrauten Welt. Elektrizität, Benzinmotor, Raketenantriebe und gar Atomkraft sind in diesen Alternativwelten niemals entdeckt oder entwickelt worden, dafür hat man verstanden, mit Dampfkraft die erstaunlichsten Errungenschaften zu erzielen, bis hin zum ebenfalls dampfbetriebenen Supercomputer oder gar der Zeitmaschine. So faszinierend ist die Mischung aus viktorianischem Zeitalter und Zukunftsvisionen, wie Jules Verne und H. G. Wells sie einst begründet haben, dass sie längst auch Film, Fernsehen und Computerspiele erobert hat und die Phantasie von Künstlern jeglicher Couleur anregt.

aus: Wikipedia. Aufgenommen im Optischen Museum von Zeiss in Oberkochen. Das Bild zeigt einen Theodoliten von Otto Fennel & Söhne (um 1900). (German Wikipedia, original upload 1. Okt 2005 by Schelle)

Was das mit dem Feldmessen zu tun hat, möchten Sie wissen? Nun, haben Sie sich schon mal einen Theodoliten angesehen, das Winkelmessinstrument, mit dem ein wesentlicher Teil der Vermessungsarbeiten ausgeführt wird? Theodoliten sind nämlich nicht nur Präzisionsinstrumente, sondern meistens auch ausgesprochene Schönheiten und Kunstwerke der optischen Industrie. So ist es auch eine ästhetische Freude, mit ihnen umzugehen, und in jeder 'Steampunk'-Umgebung würden sie dem Flair der jeweiligen Geschichte zur Ehre gereichen!

Bild aus: Wikipedia. Aufgenommen im Optischen Museum von Zeiss in Oberkochen. Das Bild zeigt einen Theodoliten von Otto Fennel & Söhne (um 1900). (German Wikipedia, original upload 1. Okt 2005 by Schelle)

Surftipps 'Steampunk':

Dritter Tag: Arbeitsgruppen und strahlender Sonnenschein

Mit dem Hammer in der Hand vermisst man schnell das ganze Land! Foto: E. Schubert

Auch heute wurde wieder in Fürstenhagen die Verwaltung des Naturparkes vermessen. Allerdings hatten die Gruppen diesmal verschiedene Aufgaben, die erledigt werden sollten. Während die einen mit Prismen, Fluchtstangen und Metallbandmaßen die Kleinvermessung vornahmen, arbeiteten andere mit Theodoliten. Wie an den vergangenen beiden Tagen schien auch heute wieder die Sonne strahlend vom Himmel. Diese Helle verbreitete eine sehr schöne Stimmung auf dem ehemaligen Bahnhofsgelände. Die Holzfiguren auf dem Gelände wurden durch die Sonne in ein schönes Licht gerückt, während die Katze von uns und verschiedenen Schulklassen gestreichelt wurde.

Stillgestanden! Harte Prüfung auf dem Weg zum 'Rechten Winkel'. Foto: E. Schubert

Dennoch hatten die warmen Sonnenstrahlen einen kleinen Nachteil: Die Gruppen nämlich, die außerhalb des Waldpfades das Gelände vermessen mussten, kamen teilweise ganz schön ins Schwitzen. Auf dem Waldweg jedoch herrschte eine angenehme Kühle, wodurch man die vielen Stationen,die sich darin versteckten, in Ruhe entdecken konnte. Neben einem Barfußpfad und zwei Hängematten gab es noch eine Station mit Klanghölzern, eine Box mit Tiergeräuschen und einen Trichter zum Hören der Naturgeräusche. Und wer seine Ruhe haben wollte, konnte sich in eine „Märchenhütte“ zurückziehen, in der ein Buch mit Geschichten und Sagen aus der Umgebung lag. Aber wir Schüler hatten keine Zeit, um uns die tollen Angebote des Nationalparks anzusehen, wir hatten schließlich unsere Aufträge zu erfüllen.

Als das Tagesziel erreicht war, packten wir unsere Siebensachen und fuhren zurück in die Herberge in Martinfeld.

Felix Landau und Tobias Claus


Vierter Tag: Das Leben auf dem Schloss

Bei den Berichten über das Feldmesspraktikum darf natürlich auch die Vorstellung unserer Unterkunft nicht zu kurz kommen. Wer hätte denn als ‚Bürgerlicher’ vorher gedacht, dass wir in einem feudalen Schloss wohnen würden. Schon der Eingang mit der imposanten Wendeltreppe verheißt ein königliches Flair. Beim Durchschreiten der Halle weiß man gar nicht, welches Kunstwerk man sich zuerst anschauen soll: den wunderschönen Terrazzofußboden, die verschiedenen Geweihe an der Wand, einen schwarzen Adler auf einer reich verzierten Vitrine oder einen Intarsientisch in der Ecke.

Schloss Martinfeld: Innenansicht. Foto: E. Schubert

Zwar nicht ganz so prunkvoll ausgestattet wie die Halle, aber mit viel Platz für erlesene Speisen is(s)t der Speisesaal. Aber auch an anderen Orten kann man ‚standesgemäße’ Nahrung zu sich nehmen. So trifft man sich auf ein Waldi-Baldi oder ein Him-Jim am Mittagstisch in Fürstenhagen. Ganz nach dem Motto „Nach dem Essen sollst du ruh’n, oder tausend Schritte tun“ widmen wir uns nach dem Mahl königlichen Disziplinen wie zum Beispiel Tennis, Minigolf oder Fußball auf den schlosseigenen Plätzen.

Die neun Tage auf dem Schloss verleihen uns ein ganz neues Lebensgefühl.

Tobias Claus


Zwischenspiel: Der Bahnhof Fürstenhagen

Bahnhof Fürstenhagen

Vermessen wird von der 10. Klasse ein Gelände unmittelbar bei der Verwaltung des Naturparks Eichsfeld-Hainich-Werratal in Fürstenhagen. Einstmals war das Gebäude ein Bahnhof an der Strecke von Heiligenstadt nach Schwebda, und die Geschichte interessiert vielleicht nicht nur Eisenbahnfans. Die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Naturverwaltung hat sie in einem kleinen Aufsatz aufbereitet und uns mit ein paar illustrierenden Fotos zur Verfügung gestellt. Wir haben diesem Aufsatz eine eigene Seite spendiert: Klicken Sie [hier], um ihn zu lesen.

Fünfter Tag: Die Arbeit nach dem Messen

Auch am fünften Tag unseres Feldmesspraktikums wurde fleißig gemessen. Längen, Winkel und Höhen mussten für die Karte festgestellt werden, doch am heutigen Tag hatte es das Wetter nicht so gut mit uns gemeint wie an den vorigen. Dicke Wolken verdeckten den Himmel, Regen, Wind und Kälte erschwerten das Arbeiten. Doch auch nach dem Messen auf dem Feld ist die Arbeit nicht vorbei, denn die Ergebnisse des Tages müssen in einer guten Form zu Papier gebracht werden. Skizzen müssen mit Maßstabslinealen gezeichnet, Protokolle ausgewertet und Fehler erkannt werden. Dies kann unter Umständen bis in die späten Abendstunden dauern, doch bevor diese Arbeit nicht getan ist, kann nicht weitergearbeitet werden. Das Zeichnen am Abend kann aber auch ganz schön nervig werden: Schlechtes Licht, Müdigkeit und die ständigen, kritischen Blicke der Lehrer sind „Störfaktoren“.

Feldmessen 2011: Auf die Vermessung im Gelände ... (Foto: E. Schubert)

Feldmessen 2011: ... folgt die Arbeit des Berechnens und Aufzeichnens. (Foto: E. Schubert)

Heute Abend können wir in Ruhe unser Bergfest feiern, die erste Hälfte ist erfolgreich geschafft, die andere Hälfte wird bestimmt genauso gut.

Tobias Claus


Sechster Tag: Krankheiten

Feldmessen 2011: Ein besonders schlimmer Fall von Feldmesskoller. Foto: E. Schubert
Ein besonders schlimmer Fall von ‚Feldmesskoller’!

Am sechsten Tag unseres Aufenthaltes in Martinfeld und den Messarbeiten in Fürstenhagen zeigt sich, aus welchen Holz wir geschnitzt sind, denn langsam aber stetig breiten sich Krankheiten in der Klasse aus: Heuschnupfen, der die seltenen Sonnenstunden vermiest, verrenkte Füße, die einen weitgehend an der Arbeit hindern, viele raue Lippen und andere körperliche Schwierigkeiten. Doch die schlimmste Krankheit des Feldmessens ist der Feldmesskoller.

Feldmessen 2011: Vielleicht hilft eine alkoholfreie 'grüne Fee'. Foto: E. Schubert
Vielleicht hilft eine alkoholfreie ‚grüne Fee’!

Diese Krankheit ist schleichend, man merkt nicht, dass sie kommt. Ein Zeichen dieses psychischen Problems ist, dass man alles mit Winkeln und Längen vergleicht. Die Gedanken drehen sich nur noch um Theodoliten und Maßbänder.Doch das Schlimmste ist, dass man selbst im Schlaf nicht sicher ist. Wenn man in der Nacht von Fluchtstangen träumt, ist es endgültig geschehen: Man hat den Koller! Das Einzige, was man gegen diese Krankheit machen kann: sofort schreiend nach Hause laufen. Oder man misst einfach weiter und lässt zu, dass der Feldmesskoller die Überhand gewinnt. Wir hoffen, dass, wenn wir fertig sind, wir wieder gesund werden können. Wenn nicht, vermessen wir eben andere Felder.

Tobias Claus


Siebter Tag: Freizeit

Feldmesspraktikum 2011: Fauler Sonntag. Still ruht das Messgelände am alten Wasserturm des Bahnhofs in Fürstenhagen. Foto: E. Schubert

Der heutige Sonntag des Praktikums war unser freier Tag. Am Vormittag wurden letzte Messungen vorgenommen, doch im Vergleich zu den anderen Tagen waren diese Arbeiten wenig und leicht. Danach versorgten wir uns zur Feier des Tages nicht selbst, sondern bestellten drei große Familienpizzen, die wir aber im Handumdrehen aßen.

Da wir die erforderlichen Längen und Winkel bereits hatten, konnten wir ungestört die vielen schönen Sonnenstunden genießen. So wundert es nicht, dass die Flächen wo sonst gemessen wird, als Schlafwiese genutzt wurde. Trotz des Wetters arbeiteten manche aber auch schon an Teilen der Karten. Die vorhandenen Daten wurden in einer kleinen Skizze zusammengefasst.

Feldmesspraktikum 2011: Statt Selbstverpflegung einmal Pizza für alle und Nachtisch im Eiscafé. Foto: E. Schubert

Nachdem wir etwas früher als sonst Fürstenhagen verlassen hatten, ging der freie Tag auch in Martinfeld weiter. Das Angebot der Eisdiele um die Ecke wurde dankend angenommen, Eiskugeln und -becher fanden reißenden Absatz und genussvolle Konsumenten. Auch am Abend gab es nichts zu tun.

Der Sonntag war eine willkommene Abwechslung in den vergangenen sechs Tagen. Ab morgen wird dann weiter gearbeitet.

Tobias Claus


Achter Tag:

Feldmesspraktikum 2011: Nein, nicht NOCH ein Messfehler! Leidensmomente beim Kartenzeichnen. Foto: L. Drechsler

Der achte Tag unseres Feldmesspraktikums war durchzogen von Stress. Während einige Schüler damit anfingen, die Längen und Winkel aus den einzelnen Protokollen, welche in den letzten Tagen entstanden sind, in die große, endgültige Karte im Maßstab 1:250 zusammenzufassen, mussten andere Schülerinnen und Schüler fehlerhafte Daten neu messen. Eine dritte Gruppe war damit beauftragt, die Kleinvermessungen ordentlich und maßstabgetreu auf Papier zu bringen. Dies alles war natürlich Stress pur, denn die einen konnten die Schrift der anderen nicht lesen, und die Messtrupps kamen vor lauter Arbeit gar nicht mehr hinterher. Dazu kam auch noch, dass die Sonne ohne Gnade schien und den Aufenthalt im Freien zu einer regelrechten Qual machte. Die Lage entspannte sich auch nicht, als sich die Karte im Ganzen nicht schloss.

Feldmesspraktikum 2011: 'Große Lage' im 'Kartenraum'. Während hier schon an der Umsetzung der Daten gearbeitet wird, nimmt ein Teil der Gruppe korrigierende Neumessungen vor. Foto: L. Drechsler

Zum Glück hatten die Lehrer vorgesorgt und genügend Nervennahrung eingekauft. Der Kuchen am Nachmittag und unzählige Tüten Gummibärchen hielten den Verstand klar und sorgten dafür, dass man in den Papierhaufen nicht den Überblick verlor.

Trotz oder gerade wegen des Stresses am Tag konnte man sich am Abend gut entspannen und Abstand vom Feldmessen gewinnen.

Tobias Claus


Zwischenspiel: Cyber-Feldmessen

Wir haben es eingangs erwähnt: Feldmessen ist eine aussterbende Kunst. Für diejenigen von uns, die sich noch gut an das vergangene Jahrhundert erinnern, gehörten Begegnungen mit Landvermessern und ihren Theodoliten zwar nicht unbedingt zum Alltag, waren aber auch nicht selten, vor allem, wenn wir ein Stück außerhalb der Stadt gewohnt haben. Heute wird zwar immer noch (neu) vermessen, zum Beispiel wenn irgendwo gebaut wird, aber die alten Gerätschaften gibt es im praktischen Einsatz so gut wie gar nicht mehr, und man darf mit Fug und Recht annehmen, dass die allermeisten noch gebrauchsfertigen Theodoliten mittlerweile im Besitz der Waldorfschulen sind.

Heute hat Satellitengeodäsie, die übrigens schon seit den 1960er Jahren genutzt und ausgebaut wird, ältere Verfahren der Erdvermessung weitestgehend abgelöst. Zur Triangulation werden heute statt bereits vermessenen Referenzpunkten zum Beispiel GPS-Daten herangezogen, wie sie auch Navigationssysteme, Handys und ähnliche Geräte verwenden.

Seit hierzulande immer mehr Menschen solche Geräte jederzeit in der Tasche haben, gibt es sogar eine Art neuen Freizeitsport, der mit dem Feldmessen einiges gemeinsam hat, nämlich das Geocashing. Geocaching ist quasi eine moderne Form der Schatzsuche nach verschlüsselten Schatzkarten. Irgendjemand hat irgendwo im freien Gelände einen ‚Schatz’ deponiert und Koordinaten im Internet bereitgestellt. Mit Hilfe eines Navigationsgeräts kann jeder, der sich berufen fühlt, sich auf die Suche danach machen. Manchmal geht es nur darum, sich in die Liste der ‚Finder’ einzutragen, die in einem wasserdichten Behälter als Schatz herhalten muss, manchmal sind es aber auch unterhaltsamere Aufgaben, die auf GPS-Abenteurer warten. Rund 10 Kilometer von der Waldorfschule in Eschwege entfernt, im Schlierbachwald, liegt zum Beispiel eine ‚Musikbox’: Wer sie findet, darf eine Musik-CD seiner Wahl herausnehmen, wenn er dafür eine andere hineinlegt, bevor er die Box wieder im Versteck deponiert.

Wer sich für das Geocaching näher interessiert, findet zum Beispiel auf den Seiten unter der Adresse geocaching.de nähere Informationen. Wir aber wollen auf eine zweite Möglichkeit der Nutzung von GPS-Daten hinaus, die noch mehr mit dem Feldmessen zu tun haben, weil es tatsächlich um das Zeichnen von Karten geht.

Das Schulgrundstück in der Eisenbahnstraße bei Open Street Map.

Unter der Adresse www.openstreetmap.de wartet die ‚freie Wiki-Weltkarte’ auf geneigte Besucher, die, wenn sie wollen, gleich mitmachen und bei der Weiterentwicklung dieser Weltkarte helfen dürfen. Die Grundlage sind in der Regel GPS-Aufzeichnungen von Navigations- und anderen GPS-Geräten wie Handys, die Bewegungsdaten speichern. Es gibt diverse Programme mit Zeichenelementen, um diese Bewegungspfade in Straßen, Wege, Bachläufe oder Gewässer zu verwandeln und die so erfassten Geländeteile auf die Kartenserver zurückzuladen. Wie bei ähnlichen kommerziellen Angeboten können darüber hinaus auch weitere Merkmale wie Bushaltestellen, Geschwindigkeitsbegrenzungen, Parkbänke, Briefkästen, Flaschencontainer und viele andere Dinge erfasst werden.

Neunter Tag: Noch mehr Stress

Feldmesspraktikum 2011: Macht sich die Grinsekatze am Waldlehrpfad etwa über mehrfach gemessene Strecken lustig??? Foto: E. Schubert
Macht sich Grinsekatze etwa über Mehrfachmessungen lustig???

Nachdem gestern mit dem Zeichnen der großen Karte begonnen wurde, ging heute der Stress weiter. Die Kleinvermessungsprotokolle der letzten Tag mussten alle im gleichen Maßstab auf ein Transparentpapier übertragen werden. Daraufhin wurden diese Blätter auf den großen Polygonzug gelegt und abgepaust. So nahm nach und nach die Karte Gestalt an. Natürlich mussten beim Maßstab 1:250 einige Einzelheiten aus der Zeichnung verschwinden. Doch trotz aller Bemühungen und des guten Gefühls bei den Skizzen erwiesen sich einige Punkte als falsch, sodass sich die Karte am Ende nicht völlig schloss. Dies war natürlich sehr deprimierend, besonders dann, wenn ein und dieselbe Strecke mehrmals neu gemessen werden musste. Als dann noch ein starkes Gewitter aufzog, wurde die Arbeit zur Geduldsprobe. Aber alle diese Schwierigkeiten brachten die Stimmung nicht zum Kippen. Am Ende wurden sogar im strömenden Regen Lieder wie „Ein Bett im Kornfeld“ oder „99 Luftballons“ gesungen.

Zurzeit wird immer noch fleißig an der endgültigen Karte gearbeitet. Zwar gibt es immer noch Komplikationen, aber wir sind uns sicher, dass wir auch die noch auflösen und die Vermessungskarte rechtzeitig fertigstellen werden.

Tobias Claus


Zehnter Tag: Heimreise

Heute war der letzte Tag unseres Feldmesspraktikums in Thüringen. Anders als an den Tag zuvor ging das Aufstehen heute schneller als sonst, da die Koffer gepackt und die Zimmer gesäubert werden mussten. Doch trotz aller Hektik ließen wir uns die Zeit zum gemeinsamen Frühstück nicht nehmen. Nach dieser Stärkung hieß es für drei Schüler noch einmal, Schuhe und Jacke anziehen und nach Fürstenhagen fahren, um dort einige Längen zu überprüfen. Währenddessen pausten die anderen mit Transparentpapier die „richtige“ Karte ab, sodass am Ende jeder und jede eine eigene Karte besaß. Nachdem auch die kurzfristig gemessenen Strecken ergänzt worden waren, ist die Karte so gut wie fertig. Nun müssen nur noch alle ihr Exemplar in den entsprechenden Farben anmalen.

Feldmesspraktikum 2011: Das Klassenfoto. Foto: S. Höck

Gegen Mittag war das Praktikum beendet. Die Autos wurden bepackt und die Heimreise wurde angetreten.

Ich für meinen Teil werde das Feldmesspraktikum als teilweise sehr nervig in Erinnerung behalten, doch alle negativen Gefühle, die ich habe, werden von den positiven noch übertroffen. Wir haben viel gelernt, über die Folgen ungenauen Arbeitens, über Winkel und Instrumente, um diese zu messen, über Maßstäbe und so weiter. Die ein oder andere Entscheidung, die während der zehn Tag getroffen worden ist, wird sicherlich auch später noch Thema sein.

Ich bedanke mich bei allen, die es ermöglicht haben, die Tagesberichte zu veröffentlichen, und bei denen, die sie jeden Tag gelesen haben. Zehn Tage enden, viele andere Tage beginnen.

Tobias Claus

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